Wollstock

Zugegeben, das muss am vergangenem Samstag schon seltsam ausgesehen haben: Eine lachende, schnatternde Horde Frauen, bewaffnet mit spitzen Nadeln und jeder Menge Faden, eingehüllt in Selbstgestricktes, die vor der Wollstube Wollin im beschaulichen Backnang ihr Lager aufgeschlagen haben. Es wurde gestrickt, geklönt, Namensschildchen hergezeigt, erkannt und gefreut. Und Wolle gekauft. Passanten auf dem Weg zur ihren Samstagsbesorgungen müssen gedacht haben, Frau Wollin mache Ausverkauf und morgen gäbe es nichts mehr. Manch einer stand stand sogar minutenlang auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete das Treiben mit ungläubig aufstehendem Mund und einem leichten Kopfschütteln.
Ich glaube, die Backnanger haben sich ein bisschen so gefühlt wie die Anwohner von Woodstock, als ihre Stadt plötzlich von einer halben Million Hippies belagert wurde. Nur, dass unsere Droge eben Wolle ist. Und wir nicht nackt im Schlamm tanzen.

Vorm Bürgerhaus gab es eine wie ich finde besonders schöne Form des Guerilla Strickens zu sehen.

Überhaupt hatten sich die Organisatoren mit jeder Menge uneigennützigem Stricken sehr viel Arbeit gemacht. Nicht nur die beiden Statuen waren liebevoll umstrickt, an jeder Eintrittskarte hing ein kleines gehäkeltes Wollkörbchen, ein kleiner Handschuh, eine Socke oder eine Mütze. Auf den Tischen im Bürgerhaus standen Gläser mit gefilztem Inhalt zur Dekoration, mit Banderolen umwickelt, die einen in Backnang willkommen hießen. Toll, wirklich!

Wirklich toll waren auch die Möglichkeiten der Woll-Neubeschaffung. Seehawer und Siebert, Spinning Martha, Drachenwolle, Zitron, Isager, Schulana, Anettes Wollwerkstatt und Filatura di Crosa ließen Strickerherzen höher schlagen. Für das richtige Instrument sorgten Addi und Holz und Stein.

„Mama und Papa Ravelry“ alias Jess und Casey haben ebenfalls an dem Meeting teilgenommen. Hochoffiziell begrüßt wurden Sie nicht nur vom Organisatorenpaar knittingcouple sondern auch vom Bürgermeister Backnangs, der seine Rede über das „Handarbeitsparadies Backnang“ in gleich zwei Sprachen hielt. Nach diesem offziellen Startschuss ging’s dann los: Die ersten Kurse begangen, Wolle begann ihren Besitzer zu wechseln, tolle Tücher, Pullis und Jacken wurden bestaunt. Schade, dass man nur virtuell Herzchen verteilen kann, ich hätte gerne so manchem Strickstück, das ich im Bürgerhaus gesehen habe, ein „Favourite“-Abzeichen verpasst!

Viel gelernt habe ich in meinen Kursen. Dank creativemother habe ich nun verstanden, wie Fersen nach Cat Bordhi gestrickt werden. Eine tolle Sache, denn Fersen mit verkürzten Reihen gefallen mir nicht an allen meinen Toe Ups und freue mich schon, die Konstruktion das erste Mal an einer richtigen Socke zu verstricken. Schnüffeltier hat mir beigebracht, wie ich ohne Zopfnadel zopfen kann. Seit bei mir in dieser Hinsicht der Groschen endlich gefallen ist, habe ich gleich wieder ein paar Zentimeter am vernachlässigten Tweedy Aran Cardigan gestrickt. Ohne das lästige Aufnehmen der zusätzlichen Nadel, was ständig den Strickfluss unterbricht, habe ich an der Jacke wieder richtig Spaß. Und dank der lieben Aud weiß ich nun, wo sich meine Taille wirklich befindet, was sich hinter Begriffen wie „vordere Taillenlänge“ und „Rückenlänge“ verbirgt, dass ich in der Schule beim Dreisatz doch besser hätte aufpassen sollen und wie man an sich richtig Maß nimmt. Euch allen ganz viel Dank für die Arbeit, die Ihr in die Vorbereitungen gesteckt habt und die Geduld in den Kursen!

Der Samstag wurde bei einem sehr leckeren griechischen Büffet in der Kunberger Aura langsam ausklingen lassen. Viele nutzten die langen Öffnungszeiten und die unmittelbare Nachbarschaft der Wollstube für Late Night Wollshopping bis 22h. Der Herr Bürgermeister hatte mit seinem „Handarbeitsparadies Backnang“ schon ziemlich ins Schwarze getroffen.

Nach einem etwas ruhigerem aber nicht weniger netten zweiten Tag ging das Treffen dann am Sonntag gegen 16h zu Ende. Hotelgäste, Wagenburgler (= Camper) und Heimschläfer begaben sich mit vollen Einkaufstüten auf den Nachhauseweg. Mein Fazit: Spaß hat es gemacht und ich hoffe, im nächsten Jahr gibt es ein solches Wollstock, ein Woodstock für Wolle, wieder.

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6 responses to “Wollstock

  • Sockenanja

    Ein schöner Bericht 🙂 ! Dich habe ich leider verpasst – schade! Vielleicht ein anderes Mal.

    Liebe Grüße;
    Anja

  • Garnprinzessin

    Huh, da sind wir wohl irgendwie aneinander vorbei gerannt. Schade!

    Liebe Grüße von der

    Garnprinzessin

  • Tanja

    Achjaaaa, schee wars *hach*

    Liebs Grüßle
    Tanja, immer noch overloaded

  • msblackstitch

    Tanja, ich bin auch noch ein wenig overloaded. Ist für den Alltag mal garncht gut 😦

    Garnprinzessin, das ulkige ist: Ich hab Dich am Sonntag von weiter weg gesehen. Bzw. ich hab Dich gesehen und dachte mir „So würde ich mir die Garnprinzessin vorstellen“. Und jetzt stellt sich raus, dass ich sogar Recht hatte, hab Dich trotz Papiertüte als die Person identifiziert, die ich da gesehen hatte 🙂

    Anja, ja ich find’s auch schade. Dann halt nächstes Mal!!

    LG
    Martina

  • Ev

    Sehr schöner Bericht, das!

    Und die beste Bezeichnung ever für alles: WOLLSTOCK – Genial sag ich.

    Liebe Grüße, Ev

  • confusa

    Ich sag nur: ich wäre soooo gerne dabei gewesen! Dennoch freue ich mich, dass das Meeting so gelungen war.

    LG
    confusa

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