Sind wir alle Guerillas?

Auf dem Ravelry-Meeting 2009 in Backnang gab es auch schon „Guerilla-Stricken“. Nur hat es damals keiner so genannt.

Ein neuer Stricktrend scheint derzeit über das Land zu fegen. Endlich ist die „Stricken ist das neue Yoga“-Welle abgeflacht, nun wird mit „Guerilla-Stricken“ ein neuer Trend beschworen. Anscheinend eignet sich unser Hobby, gerade weil es oft als „trutschig“ und „hausfrauig“ verschrien wird, immernoch ziemlich gut, um eine bestimmte Erwartungshaltung zu widerlegen und zu überraschen. Den Eindruck bekommt man zumindest, wenn man gerade das Internet nach News-Artikeln zum Thema „stricken“ durchsucht.

„Guerilla-Stricken“ ist ja schon seit einer Weile in unseren Gefilden bekannt, derzeit scheint das Thema aber überall aufzutauchen – und erhält viel Aufmerksamkeit. Am Bodensee umstricken Seniorinnen gemeinsam mit Schülern Parkbänke, im Münsterland verschönern Schülerinnen mit diesem „weiblichen Teil der Streetart“ ihren Schulhof,  ebenfalls im Münsterland umstrickt eine Gruppe Bäume in ihrem Dorf um auf die Probleme gehbehinderter Menschen aufmerksam zu machen, in Niedersachsen ist das sogenannte „Bridge Knitting“ Teil einer Bürgerinitiative, in Geldern umstrickt eine Awo-Gruppe Teile ihrer Stadt um diese zu verschönern und in Mönchengladbach werden für ein Stadtviertel-Fest systematisch die Denkmäler um- und bestrickt, um den Blick der Stadtbewohner für diese wieder neu zu schärfen. Woher kommt diese Regionen übergreifende Lust darauf, Dinge im öffentlichen Raum mit Strickstücken zu versehen?

In vielen dieser Artikel ist die Rede davon, dass die umstrickten Bereiche oder Dinge „schöner“ werden sollen. „Schön“ ist ja ein Begriff, über den man sich streiten kann, was ich an dieser Stelle nicht tun möchte. Wenn ich aber an aktuelle Bauvorhaben und Projekte in „meiner“ Stadt denke, so haben diese erschreckend oft gemeinsam, dass flächendeckend viel Beton und Stein verwendet wird. An mancher Stelle wird ein trostloses Bäumchen zu Dekorationszwecken in einen ein-Meter-Radius Erde eingepflanzt. Gut, das ist modern und sicher haben sich die Architekten und Stadtplaner dabei etwas gedacht. Trotzdem frage ich mich, ob das wirklich dem Geschmack vieler (aller?) Leute entspricht? Wünschen sich die Menschen doch mehr Farbe, mehr Bunt, mehr „Heimeligkeit“, mehr freundlich-weiche Umgebung wie sie durch Umstricktes geschaffen wird?

Interessant ist auch, dass viele Projekte mit dem Stricken auf eine bekannte Umgebung neu aufmerksam machen wollen. Dies war auch eine der Gründe, warum sich das „Guerilla-Sricken“ ursprünglich entwickelt hatte, beispielsweise durch die Aktionen von Knit the City in London. Seien wir mal ehrlich: Allzu oft laufen wir wie Zombies durch unsere Umgebung und blenden diese erfolgreich aus. Verständlich, wenn man in Hektik eine Bahn erwischen muss, in Gedanken den Einkaufszettel schreibt oder mit einem Auge auf dem Smartphone eine Textnachricht verfasst. Reisst uns dann ein umstrickter Baum aus dieser Teilnahmslosigkeit? Irgendwie schon. Ändert sich dadurch aber dauerhaft etwas an unserem Scheuklappen-Blick? Ich weiß es nicht. Aber zumindest hat es einen kurzfristigen Effekt. Besser als gar keinen.

Trotzdem hoffe ich, dass es mit dem „Trend Guerilla-Stricken“ nicht zu sehr übertrieben wird und inspirationsloses Umwickeln von Dingen mit Bahnen aus Gestricktem kein gängiges Marketing-Tool wird, um langweilige Projekte vor dem Abrutschen in die totale Nicht-Beachtung zu retten.
Denn nicht alle Leute, die dieses Hobby ausüben, wollen damit die Welt verändern oder einen Zen-Zustand erreichen. Oftmals ist Stricken einfach nur Stricken. Oder sind wir alle Guerillas, weil wir schließlich uns selbst und unsere Lieben umstricken, damit auch sie schöner werden und in der Masse von industriegefertigt bekleideten Menschen herausstechen?

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