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Wollkongress

„Wissen Sie, an diesem Wochenende sind wir schon fast ausgebucht – wegen dem Wollkongress“, sagte mir der nette Herr von der Pension Lamm am Telefon, als ich bei ihm ein Zimmer für den 18. auf den 19. September reservieren wollte. Dank der umsichtigen Planung von Mascha habe ich noch ein kleines Zimmerchen unterm Dach ergattern können. Damit war das alte Gebäude wohl sprichwörtlich bis unters Dach mit strickenden Frauen voll. Keine Übertreibung.

Das zweite deutsche Raveler Meeting hat, wie auch schon im letzten Jahr, zahlreiche Stricker aus ganz Deutschland nach Backnang gelockt. Dieses Jahr waren allerdings Jess und Casey, die Ravelry-Begründer, nicht vor Ort. Auch der Bürgermeister, der 2009 eine nette Ansprache hielt, hat uns dieses Mal nicht in der „Handarbeitsmetropole Backnang“ begrüßt. Aber egal, Hauptsache war ja: es gab jede Menge Wolle, jede Menge Raveler und jede Menge Spaß.

Fans von handgefärbter Sockenwolle kamen besonders auf ihre Kosten. Zwar war die Drachenwolle dieses Jahr nicht mit am Start, da sie mit der Eröffnung ihres Ladengeschäfts alle Hände voll zu tun hatte, dafür waren jede Menge andere Färber mit ihren verschiedenbunten Strängen da. Zum Beispiel das Zauberglöckchen.

Oder Spinning Martha, deren uni- und leicht schattierenden Färbungen es mir sehr angetan hatten.

Überhaupt gab es bei Martha allerhand Schönes und Nützliches. So musste ich unbedingt einen praktischen WPI-Messer mitnehmen. Für alle nicht-Spinnerten: WPI, Wraps Per Inch, ist eine Maßeinheit, mit der man die Stärke von Wolle messen kann. Das ist besonders bei handgesponnen Garnen sehr hilfreich.

Eine weitere Augenweide war der Stand von Holz und Stein.

Neben den handgefertigen Stricknadeln gab es Schalpins und viel Zubehör aus edlen Hölzern zu bestaunen.

Zu meinen persönlichen Highlights gehörte ganz klar der Stand von Isager. Dort gab es wirklich alles, was das Strickerinnen-Herz begehrt: Tolle Wolle, schön gemachte Bücher mit Anleitungen für stilvolle Kleidungsstücke und nette Gespräche mit der deutschen Isager-Vertretung, dem Übersetzungsbüro und dem Verlag der deutschsprachigen Isager-Publikationen – in Personalunion vertreten durch Gabriele Böcher.

Die Farben der Isager-Garne sind wirklich etwas besonderes. Zwar bunt und in gewisser Weise farbenfroh, trotzdem aber natürlich.

Bei Isager gab es auch ein ganz besonderes Strickstück zu sehen: die Jacke Wasserwirbel aus dem Buch „Stilvoll Stricken“. Jedes Mitglied des Stand-Teams trug eine dieser Jacken, außerdem lagen verschiedene Exemplare zum anprobieren aus. Wen die Jacke nicht schon durch das tolle Design überzeugt hat, der war spätestens nach einer Anprobe restlos von dem Modell begeistert.

Diese Jacke steht wirklich jeder Frau. Egal, ob groß, klein, wenig oder viel Oberweite, schmale oder breite Hüften, langer oder kurzer Oberkörper – jede Dame, die diese Jacke anprobiert hat, sah einfach klasse darin aus. Wirklich, ein tolles Modell, das natürlich auch auf meiner Liste steht.

Eine Neuentdeckung für mich war die Wollerey. Hier gab es zwar auch handgefärbte Garne, allerdings auch in etwas dickeren Qualitäten, ausreichend für Oberteile. Die Farben sind einfach toll, in den Strängen sind leichte Farbunterschiede, die allerdings nicht von einem Muster ablenken.

Dank der hilfreichen Beratung durch Wollich (Dagmar) und Strickreich (Claudia) habe ich hier zugeschlagen: 600 Gramm von der neuen Merino-Wolle Merimer (300m/100g) kamen mit mir nach Hause. Gestrickt wird daraus ein Cardigan.

Manche führten unter strengster Konzentration hochkomplizierte Garnberechnungen durch, um herauszufinden, ob dieses oder jenes Garn für dieses oder jenes Projekt geeignet sei. Da soll nochmal einer sagen, Frauen täten sich schwer mit Mathe.

Natürlich gab es während des Treffens wieder viel Fachsimpelei. Das Schöne an Treffen mit Ravelern ist, dass man irgendwie mit den meisten auf einer Wellenlänge ist und alle sofort und ungeachtet jeglicher Altersunterschiede per Du miteinander sind.

Am Samstagabend ging es dann ins Spaghettihaus, einmal quer durch Backnang. Im leichten Dämmerlicht blitzen während der Fahrt immer wieder bunte Flecken am Straßenrand auf – andere in Gruppen reisende Raveler, die sich wie wir auf den Weg zum Abendessen machten, mit farbenfrohen Tüchern, Jacken oder Schals. Ich frage mich, ob das nur uns aufgefallen ist, oder auch den Backnangern. Wenn ja, haben die sich bestimmt wieder einmal gewundert.

Nach lecker Pasta und Wein traten wir die Heimfahrt ins Lamm an, wo noch bis in die späte Nacht hinein gestrickt und erzählt wurde. Von Randmaschen, ersten großen Fahrten mit dem Auto nach Paris oder an den Gardasee, von Pullis für den Ehegatten, von Maschenmarkierern in Schweinchenform, von Flohmarktgeschichten und einem Globus, auf dem Indien fehlte. Es war herrlich.

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Ravelry ganz unvirtuell

Ich bin dieses Jahr wieder dabei. Wer noch?


Wollstock

Zugegeben, das muss am vergangenem Samstag schon seltsam ausgesehen haben: Eine lachende, schnatternde Horde Frauen, bewaffnet mit spitzen Nadeln und jeder Menge Faden, eingehüllt in Selbstgestricktes, die vor der Wollstube Wollin im beschaulichen Backnang ihr Lager aufgeschlagen haben. Es wurde gestrickt, geklönt, Namensschildchen hergezeigt, erkannt und gefreut. Und Wolle gekauft. Passanten auf dem Weg zur ihren Samstagsbesorgungen müssen gedacht haben, Frau Wollin mache Ausverkauf und morgen gäbe es nichts mehr. Manch einer stand stand sogar minutenlang auf der gegenüberliegenden Straßenseite und beobachtete das Treiben mit ungläubig aufstehendem Mund und einem leichten Kopfschütteln.
Ich glaube, die Backnanger haben sich ein bisschen so gefühlt wie die Anwohner von Woodstock, als ihre Stadt plötzlich von einer halben Million Hippies belagert wurde. Nur, dass unsere Droge eben Wolle ist. Und wir nicht nackt im Schlamm tanzen.

Vorm Bürgerhaus gab es eine wie ich finde besonders schöne Form des Guerilla Strickens zu sehen.

Überhaupt hatten sich die Organisatoren mit jeder Menge uneigennützigem Stricken sehr viel Arbeit gemacht. Nicht nur die beiden Statuen waren liebevoll umstrickt, an jeder Eintrittskarte hing ein kleines gehäkeltes Wollkörbchen, ein kleiner Handschuh, eine Socke oder eine Mütze. Auf den Tischen im Bürgerhaus standen Gläser mit gefilztem Inhalt zur Dekoration, mit Banderolen umwickelt, die einen in Backnang willkommen hießen. Toll, wirklich!

Wirklich toll waren auch die Möglichkeiten der Woll-Neubeschaffung. Seehawer und Siebert, Spinning Martha, Drachenwolle, Zitron, Isager, Schulana, Anettes Wollwerkstatt und Filatura di Crosa ließen Strickerherzen höher schlagen. Für das richtige Instrument sorgten Addi und Holz und Stein.

„Mama und Papa Ravelry“ alias Jess und Casey haben ebenfalls an dem Meeting teilgenommen. Hochoffiziell begrüßt wurden Sie nicht nur vom Organisatorenpaar knittingcouple sondern auch vom Bürgermeister Backnangs, der seine Rede über das „Handarbeitsparadies Backnang“ in gleich zwei Sprachen hielt. Nach diesem offziellen Startschuss ging’s dann los: Die ersten Kurse begangen, Wolle begann ihren Besitzer zu wechseln, tolle Tücher, Pullis und Jacken wurden bestaunt. Schade, dass man nur virtuell Herzchen verteilen kann, ich hätte gerne so manchem Strickstück, das ich im Bürgerhaus gesehen habe, ein „Favourite“-Abzeichen verpasst!

Viel gelernt habe ich in meinen Kursen. Dank creativemother habe ich nun verstanden, wie Fersen nach Cat Bordhi gestrickt werden. Eine tolle Sache, denn Fersen mit verkürzten Reihen gefallen mir nicht an allen meinen Toe Ups und freue mich schon, die Konstruktion das erste Mal an einer richtigen Socke zu verstricken. Schnüffeltier hat mir beigebracht, wie ich ohne Zopfnadel zopfen kann. Seit bei mir in dieser Hinsicht der Groschen endlich gefallen ist, habe ich gleich wieder ein paar Zentimeter am vernachlässigten Tweedy Aran Cardigan gestrickt. Ohne das lästige Aufnehmen der zusätzlichen Nadel, was ständig den Strickfluss unterbricht, habe ich an der Jacke wieder richtig Spaß. Und dank der lieben Aud weiß ich nun, wo sich meine Taille wirklich befindet, was sich hinter Begriffen wie „vordere Taillenlänge“ und „Rückenlänge“ verbirgt, dass ich in der Schule beim Dreisatz doch besser hätte aufpassen sollen und wie man an sich richtig Maß nimmt. Euch allen ganz viel Dank für die Arbeit, die Ihr in die Vorbereitungen gesteckt habt und die Geduld in den Kursen!

Der Samstag wurde bei einem sehr leckeren griechischen Büffet in der Kunberger Aura langsam ausklingen lassen. Viele nutzten die langen Öffnungszeiten und die unmittelbare Nachbarschaft der Wollstube für Late Night Wollshopping bis 22h. Der Herr Bürgermeister hatte mit seinem „Handarbeitsparadies Backnang“ schon ziemlich ins Schwarze getroffen.

Nach einem etwas ruhigerem aber nicht weniger netten zweiten Tag ging das Treffen dann am Sonntag gegen 16h zu Ende. Hotelgäste, Wagenburgler (= Camper) und Heimschläfer begaben sich mit vollen Einkaufstüten auf den Nachhauseweg. Mein Fazit: Spaß hat es gemacht und ich hoffe, im nächsten Jahr gibt es ein solches Wollstock, ein Woodstock für Wolle, wieder.